Osmose 2016

In diesem Sommer war ALLES anders!

Eigentlich sollte Alaya nur kurz aus dem Wasser. Es war Zeit für ein neues Antifouling, doch dann kam die Nachricht, vor der es jedem Eigner graut.

Im Dezember 2014 kaufte ich – in Steenbergen, einem kleinen Ort südlich von Rotterdam, die SY Alaya, eine Ketsch des Typs Formosa 51, Baujahr 1979, Lüa (damals – noch ohne die Davids) 17,50m, B 4,60m, T 1,96m, Leergewicht 26t. Am 24. Dezember 2014 um 8 Uhr legten wir zur Überführung nach Neustadt in Holstein (damaliger Heimathafen) ab.

Nach einigen Getriebe-, Motor- und Dieseltankproblemen, mehreren Tagen mit wirklich unangenehmem Wetter sind wir am 14. Januar 2015 in Neustadt i.H. eingelaufen. Seitdem lebe ich 365 Tage im Jahr an Bord. “Alaya“ kommt aus dem Tibetischen und bedeutet “Zu Hause“.

Die Wohnung habe ich gekündigt und 99 Prozent des Inventars verkauft, verschenkt oder auch einfach weggeworfen. Mein vorheriges Boot, eine Delta 45,  habe ich schweren Herzens an neue Eigner übergeben.

Mal schnell zur Werft

Im Mai 2016 sollte die SY Alaya zum ersten Mal nach ihrer Anschaffung zur Erneuerung des Antifoulings und einiger kleiner Werftarbeiten aus dem Wasser kommen. Ich segelte am 12. Mai vom damaligen Heimathafen Neustadt i.H. nach Lübeck-Travemünde in die Marina Baltica. Halbwindkurs bei 6 bis 7 Beaufort aus Nord-Ost. In der Lübecker Bucht stand eine ordentliche Welle.

Die Werft nahm Alaya mit dem Travellift, der bis zu 120 Tonnen heben kann, samt stehenden Guts am 13. Mai aus dem Wasser. Wir fuhren in den Lift und hoch ging es – klingt beeindruckend ist aber unspektakulär.

Während des Landaufenthalts lebte ich weiter an Bord, was sich als wirklich sehr unkomfortabel erwies. Es fehlte die Toilette, Abwasser musste mittels Pütz entsorgt werden … und das alles über eine wenig vertrauenserweckende Holztreppe.

… so sahen tausende von stinkenden Bläschen aus …

Mein morgendlicher Weg zu den Sanitäranlagen in einen Bademantel gehüllt zog manchmal leicht irritierte Blicke nach sich. Der überraschend wenige Bewuchs am Schiff war schnell entfernt. Jedoch beim Anschleifen des Antifoulings kam der erschreckende Verdacht: OSMOSE.

Umgehend wurde ein Gutachter bestellt, der den Verdacht bestätigte. Das gesamte Unterwasserschiff war seit acht bis zehn Jahren von Osmose befallen. Von den Vorbesitzern waren bereits einige Stellen gespachtelt worden. Ich fiele aus allen Wolken.

Schnell war klar, dass wir (Alaya und ich) um eine Komplettsanierung nicht herumkommen würden. Jetzt oder im Herbst.

Ich entschied mich für JETZT

page41image5019376
Osmosebefall am Bug nach der Bestrahlung …

Daraufhin wurde Alaya wieder ins Wasser gelassen, ein Schwerlastkran bestellt und die Masten gezogen. Die Mastelektrik mit elektrischen Rollsegeln hatte keine Trennstellen, so dass Jens, der Werftelektriker, unter entsetzten Blicken mit einem großen Kabelschneider alle Kabel durchschneiden musste. Ein Segelboot ohne Masten ist ein wirklich trauriger Anblick.

Da ich während der Sanierung nicht weiterhin an Bord bleiben konnte, habe ich mein weniges Hab und Gut, das dann doch ziemlich viel war, ins Auto geladen und in mein kleines Büro gebracht, wo ich bis zum Ende der Sanierung kampieren musste. Zwischen Segeln, Büchern und Wäschehaufen legte ich meine Matratze.

Ein zweites Mal ging es auf dem Travellift aus dem Wasser. Dieses Mal schon routinierter.

An Land angekommen, wurde Alaya in die Halle gezogen. Der erste Schritt der langen Sanierungszeit. Wenn 26 Tonnen über ein Schienensystem rumpeln, mag man gar nicht hinschauen. Die Firma Strahltechnik Nord fuhr mit einem LKW vor und benötigte sieben volle Arbeitstage mit drei Personen, um das gesamte Unterwasserschiff in einem Schlacke-Strahl-Verfahren abzustrahlen. Dabei wurden fünf Lagen Laminat abgetragen. Nun wusste ich, warum diese Kostenposition auf dem Kostenvoranschlag so hoch war – High-Tech plus Man-Power!

Das abgestrahlte Unterwasserschiff sah aus wie eine Kraterlandschaft. Das volle Ausmaß der Osmose wurde erst jetzt richtig deutlich. Es ist kaum vorstellbar, was der chemische Prozess der Osmose mit dem Laminat anrichten kann. Ich konnte es nun in aller erschreckenden Deutlichkeit sehen.

Die gut erhaltenen Opfer-Anoden, die ohne Funktion und ohne Dichtmittel durch das Ruderblatt gebolzt waren, machten die Sanierung des Ruderblatts sehr aufwendig. Interessanterweise hat der Erbauer der Alaya zwar an die Anoden gedacht, aber leider vergessen, dass diese einen Kontakt mit dem Metall des Ruderblattes brauchen. Zudem wurde “einfach“ durch das hohle Ruderblatt gebohrt, eine Kabelverbindung mit der Anode auf der anderen Seite hergestellt und mittels eines kleinen Dichtringes die Bohrung abgedichtet.

So musste das Ruderblatt ausgebaut, das eingedrungene Wasser entfernt und das Laminat ebenfalls neu aufgebaut werden. Schon der Ausbau des Blattes erwies sich als extrem aufwendig und kompliziert. Die Werft in Taipei hatte das Ruderblatt mit einer nicht nachvollziehbaren, aber haltbaren Konstruktion an den Rumpf montiert. So haltbar, dass die Beschläge aus Messing durchtrennt werden mussten, um das Ruder zu lösen, was bei der späteren Montage zu Herausforderungen führte.

Für mich begann die Zeit des Wartens auf das Austrocknen des Rumpfes, was mir sehr schwer fiel. Regelmäßig besuchte ich meine Alaya und überzeugte mich vom Fortschritt.

Und immer wieder Wasser!

Bohrloch in der Kielsohle um das Wasser ablaufen zu lassen …

Der Wasserfluss aus den Poren wollte einfach nicht aufhören. Gemeinsam mit Andreas, dem Werftleiter, entschieden wir, den Kiel anzubohren, um den Wasserabfluss zu beschleunigen. Das erste Bohrloch ließ innerhalb weniger Stunden eine 30-Liter Pütz volllaufen.
Die nächste Überraschung: Meine Segelyacht hat einen Kiel aus Beton. Dass es diese Konstruktion gibt, war mir bekannt, dass Alaya solch einen Kiel hat, nicht. Positiv: Er kann nicht rosten. Leider ist aber das Trocknen von Beton ein sehr langsamer Prozess.
Endlich! Im oberen Unterwasserschiff konnte Anfang August mit den Spachtelarbeiten begonnen werden. Insgesamt 90 Quadratmeter Fläche mussten mehrmals gespachtelt und geschliffen werden. Erst dann konnten die Laminierarbeiten beginnen. Die entfernten fünf Lagen Laminat wurden mit Glasfaser und Epoxydharz wieder aufgebracht. Und immer wieder SCHLEIFEN. Bis zu drei Werftmitarbeiter haben zeitgleich am Unterwasserschiff gearbeitet. Zum Abschluss kam ein Feinspachtel, bevor Gelshield und Antifouling aufgetragen wurden.

Nun wurde umgepallt. Alle Arbeiten vom Strahlen bis Antifouling mussten an den Stellen, wo die Pallhölzer unter dem Kiel und die Rungen seitlich am Rumpf saßen, nochmals ausgeführt werden.

page42image3009808
Das komplett sanierte Unterwasserschiff glänzt wie neu
… mit ALLEN Mitteln wurde versucht die Rückenschmerzen in den Griff zu bekommen …

Nach Abschluss der Unterwasserschiffsanierung wurden alle Borddurchlässe neu gebohrt, neue Ventile, Echolot und Opferanoden installiert. Die Welle bekam eine neue Volvo-Buchse, so dass kein Nachjustieren der Stopfbuchse mehr notwendig ist. Parallel zu den Arbeiten der Werft, beschloss ich, mich an den Wochenenden um die Holzarbeiten zu kümmern. Mit Heißluft, Lackabzieher und allen verfügbaren Schleifgeräten machte ich mich  ans Werk. Da ich lieber segle als schleife und lackiere, setzte ich den Entschluss um, den gesamten Lack von Reling, Süllkante und Scheuerleiste zu entfernen und das Teak natur zu lassen. Wegen der Vielzahl an gedrechselten Holzstützen habe nich geflucht und den Plan in Zweifel gestellt. Aber einmal angefangen, musste es beendet werden. Mein alter Bandscheibenvorfall setzte dem Projekt ein vorzeitiges Ende. Die verbliebenen Schleifarbeiten mussten von der Werft ausgeführt werden.

page42image4984992
Natur statt Lack – nebenbei wurde die Reling abgeschliffen

Da die Masten gut zugänglich in der Halle lagen, beauftragte ich Thomas Beutel, den Riggmeister, mit der Begutachtung der Masten und des stehenden Guts.

Und noch mal neu …

Ich nahm an, dass es keine Beanstandungen geben würde, da bei den jährlichen Inspektionen, die ich im Mast verbrachte, keine Schäden er- kennbar waren. Nun kam die nächste Hiobs-Botschaft. Ich lernte, eine exakte Beurteilung des stehenden Guts ist nur im entspannten Zustand möglich.

Fazit: Das Vorstag war bereits entdreht, die Wanten porös und die Wantenspanner ausgeschlagen. Eine einfache Alterserscheinung. Das stehende Gut ließ ich vollständig erneuern. Zu dieser Entscheidung gab es keine Alternativen.

Das laufende Gut habe ich selbst gezogen und gewaschen. Nach der Wäsche habe ich das Genuafall und die Großdirk ausgetauscht, da die Seelen angefressen waren. Alle anderen Fallen und Schoten waren in einem guten Zustand.

Einen Schreckmoment gab es dann, als ich das Fockfall wieder einziehen wollte und die Sorgleine sich vom Fall löste. Mit Geduld und einem langen Kunststoffkabel habe ich es aber geschafft, das Fall einzuziehen, was bei einer Mastlänge von 20 Metern etwas tricky ist.

Mit dem Werftaufenthalt habe ich auch die Überholung der elektrischen Ankerwinsch in Auftrag gegeben. Ein Simmerring musste ersetzt werden. Da ich sehr häufig vor Anker gehe, hatte diese Arbeit für mich eine hohe Relevanz.

Bei der Demontage der Ankerwinsch wurde überraschend sichtbar, dass der Bugspriet unter der Ankerwinsch unprofessionell repariert worden war und fast nur noch aus Torf bestand.

Und nun der Bugspriet

Also: Komplette Demontage des Bugspriets. Der hintere Teil des Bugspriets wurde aus Eiche vollkommen neu gefertigt und mit dem intakten Teil fachmännisch verbunden. Die Geduld, mit der Ralf die Hölzer geschäftet hat, war beeindruckend. Das Ergebnis ist es auch!

Vor dem Wassern der Alaya am 23. September konnte der Bugspriet noch nicht montiert werden, da der Schaden zu spät entdeckt wurde und die Instandsetzungsarbeiten noch nicht abgeschlossen waren.

In der folgenden Woche, als Alaya bereits wieder schwamm, wurden der Bugspriet, der Bugkorb, die Seereling und die Ankerwinsch remontiert, bevor die Masten gestellt wurden. Das Stellen der Masten erfolgte fast ohne Schwierigkeiten – nur einen Tag früher als geplant, da für den Folgetag Starkwind angesagt war.
Fast … das Genickstag war etwa 30 Zentimeter zu kurz. Über Fallen und Winschen haben wir gemeinsam mit den Werftarbeitern den Großmast nach hinten und den Besanmast nach vorne gezogen, bis es schließlich passte.

Bei dem Chaos der Mastelektrik hat Thomas, der Elektriker, sehr gute Vorarbeit geleistet und Steckverbindungen für die gesamte Mastelektrik montiert. Plug & Play.
Der Riggmeister, Thomas Beutel, brachte Spannung auf die Wanten, so dass es mir  ganz anders wurde.

Aber das Ergebnis spricht für sich: Alaya segelt sich weitaus besser und schneller aus zuvor.
Ganz nebenbei: Eine große Freude ist die neue Dekoflosse an der Steuerbordseite, die beim Kauf des Schiffes fehlte.

Dafür wurden mehrere Teakplatten zu einem Klotz verleimt. Aus dem Holzklotz haben die Holzwürmer der Marina Baltica, Ralf und Daniel, in mühevoller Schleifarbeit eine exakte, gespiegelte Nachbildung der Flosse an Backbord erstellt. Toll! 

Ausserdem schaue ich täglich verliebt die neue Glocke an, die nun am Besanmast hängt.

page43image2981024
Auf der Zielgeraden: Der Großmast wird endlich gesetzt!

Musste das passieren?

Ich wurde in den Monaten der Sanierung immer wieder gefragt, ob ich das nicht hätten wissen können? Was stand denn im Vertrag? Meine Antwort war dann meist: „Ja – aber …!“

Ja – ich hätten es vorher wissen können, wenn ein Gutachter das Schiff an Land genau untersucht hätte. Ein kurzes Rauskranen, Absprühen und kurz anschauen, hätte mich nicht weitergebracht. Der Osmoseschaden ist erst sichtbar geworden, als das Antifouling angeschliffen wurde und Spachtelstellen offensichtlich wurden. Daher kann ich jedem, der ein ge- brauchtes Schiff kauft, nur raten, eine nachhaltige Begutachtung durchführen zu lassen, und zwar von einem Fachmann. Der Geldbetrag, den der Gutachter kostet, kann unter Umständen deutlich geringer ausfallen als solch eine umfassende Sanierung.

Aber – um ein Schiff zu kaufen, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: 1. Man muss in das Schiff verliebt sein; 2. Man muss ziemlich verrückt sein … Punkt Eins sagt (leider) schon alles: Liebe macht blind! Und dessen sollte sich jeder bewusst sein. Verliebt sein ist sehr gut und sehr wichtig, aber man sollte doch versuchen, wenigstens ein Auge zu öffnen.

Auf die rechtlichen Aspekte möchten wir hier nicht weiter eingehen, das würde den Rahmen sprengen. Nur so viel: Gerichtsstand wären die Niederlande gewesen, die Nachweispflicht über das Wissen über den Schaden hätte bei mir gelegen, ein Ausgang der Verhandlung ist nicht sicher. Sicher war aber: Der Rechtsstreit hätte Jahre gedauert, eine Sanierung hätte erst nach dem Urteil begonnen werden können, ein Gutachten hätte das nächste nach sich gezogen und Gutachter / Richter / Anwälte a beiten nicht umsonst. In meinem Fall ist es so, dass ich fast 50 Prozent des Kaufpreises noch einmal in die Sanierung stekken musste, um den Wert des Schiffes zu erhalten. Da hätte sich ein Gutachter mehr als gerechnet.

Nach viereinhalb Monaten Werftaufenthalt haben Alaya und ich die Marina Baltica am 1. Oktober verlassen, um am TO-Seminar und an der Jahreshauptversammlung in Cuxhaven teilzunehmen.